Fachkräftemangel in der Gesundheitsversorgung: Was bedeutet das konkret für Patienten?

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Ein Hausarzt im Allgäu muss seine Praxis nach 30 Jahren aufgeben, da sich kein Nachfolger findet. Die nächste Praxis ist jetzt 25 Kilometer entfernt. Für ältere Patienten ohne Auto bedeutet das eine Stunde mit dem Bus, ein halber Tag für einen Routinetermin, der eigentlich 20 Minuten dauert.

Der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ist in der öffentlichen Diskussion längst kein abstraktes Zukunftsszenario mehr. Er kommt im Alltag von Millionen Menschen in Deutschland an, oft schleichend, manchmal sehr abrupt. Doch was verändert sich konkret für Patienten, wenn Stellen unbesetzt bleiben und Praxen schließen?

Warten als neue Normalität

Die Zahlen sind eindeutig. Laut einer Versichertenbefragung, auf die sich die Bundesregierung beruft, lag die durchschnittliche Wartezeit auf einen Facharzttermin für gesetzlich Versicherte im Jahr 2024 bei 42 Tagen, gegenüber 33 Tagen im Jahr 2019. Innerhalb von fünf Jahren hat sich das Warten also um fast drei Wochen verlängert. Das Ärzteblatt berichtete Anfang 2026 über diese Zahlen, die auf einer Befragung des Bewertungsausschusses für das Bundesgesundheitsministerium basieren.

Was hinter diesem Durchschnittswert steckt, wird deutlicher, wenn man auf einzelne Facharztgruppen schaut wie die Neurologie oder Orthopädie. In diesen Bereichen warten Patienten teils deutlich länger als sechs Wochen, bevor sie überhaupt einen Termin bekommen. Rund ein Drittel aller gesetzlich Versicherten berichtet, die Wartezeiten auf Facharztermine seien in den vergangenen fünf Jahren schlechter geworden, so eine Befragung des GKV-Spitzenverbands aus dem Jahr 2025.

Das ist keine bloße Unannehmlichkeit, denn wer auf einen neurologischen Befund wartet, kann in dieser Zeit keine Therapieentscheidung treffen. Wer mit Schmerzen sechs Wochen auf einen Orthopäden wartet, geht in dieser Zeit womöglich häufiger in die Notaufnahme, weil er keine andere Wahl hat.

Die Notaufnahme als Lückenbüßer

Genau das geschieht. Im Jahr 2024 wurden in deutschen Notfallambulanzen rund 13 Millionen ambulante Notfälle behandelt – ein Anstieg von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Wert seit Beginn der Erfassung im Jahr 2018, wie das Statistische Bundesamt im Dezember 2025 mitteilte. Täglich wurden damit durchschnittlich rund 35.600 Menschen in einer Notfallambulanz versorgt.

Ein erheblicher Teil dieser Menschen hat dort streng genommen nichts zu suchen. Sie kommen, weil die Praxis ausgebucht ist oder weil sie schlicht keine andere Anlaufstelle kennen. Das überlastet die Notaufnahmen und bindet Personal, das dringend für echte Notfälle gebraucht wird.

Besonders gravierend ist dabei die personelle Lage in den Notaufnahmen selbst. Eine Blitzumfrage der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) ergab, dass deutlich über 90 Prozent der Notaufnahmen über Personalengpässe aufgrund unbesetzter Stellen berichteten. Und mehr als 70 Prozent der Kliniken bekamen trotz bereits erschöpfter Kapazitäten weiterhin Patienten zugewiesen. Das sei, so die DGINA, kein Problem einzelner Häuser, sondern Ausdruck einer angespannten Lage ganzer Regionen.

Der blinde Fleck: der ländliche Raum

In Städten wie Hamburg oder Köln ist die Versorgungslage vergleichsweise komfortabel. Wer hartnäckig sucht, bekommt aufgrund von vielen Praxen und kurzen Wegen einen Termin. Auf dem Land sieht das anders aus. Die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz meldete im Sommer 2025, dass fast ein Viertel der in Rheinland-Pfalz tätigen Hausärzte 65 Jahre oder älter ist. Wer in absehbarer Zeit die Praxis schließt, hinterlässt in vielen Fällen eine Versorgungslücke, für die es schlicht keinen Ersatz gibt.

Das Sozialministerium Baden-Württemberg fördert seit 2012 Ärzte für den ländlichen Raum mit inzwischen über 6,5 Millionen Euro. Das ist gut gemeint, aber dennoch strukturell unzureichend, solange die Nachfrage nach Medizinern das Angebot in bestimmten Regionen dauerhaft übersteigt.

Die Konsequenz für Patienten ist keine abstrakte. Hier geht es um Menschen, die nach einem Herzinfarkt keine kardiologische Nachsorge in der Nähe finden. Um Kinder mit chronischen Erkrankungen, deren Eltern regelmäßig mehrere Stunden Fahrzeit einplanen müssen. Um ältere Patienten, die auf Hausbesuche angewiesen wären, die schlicht nicht mehr stattfinden, weil der Arzt sie nicht mehr leisten kann.

Personalmangel ist keine HR-Frage

Es wäre bequem, den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen als Branchen- oder Verwaltungsproblem zu betrachten, als etwas, das sich in Statistiken und Ministeriumsberichten abspielt, aber das eigene Leben nicht berührt. Die Zahlen zeigen, dass das nicht mehr stimmt, und es wird in den kommenden Jahren noch weniger stimmen.

Wenn Stellen nicht besetzt werden, verlängern sich Wartezeiten. Wenn Praxen schließen, fahren Menschen weiter. Wenn Notaufnahmen überlastet sind, werden Notfälle langsamer versorgt. Der Zusammenhang zwischen unbesetzten Stellen und realen Versorgungsengpässen ist direkt und nicht vermittelt durch irgendwelche systemischen Zwischenschritte, sondern unmittelbar spürbar für Menschen in einer akuten Situation.

Das ist der Grund, warum wir bei EMC Adam unsere Arbeit nicht als reine Personalvermittlung verstehen. Wenn wir einem Krankenhaus helfen, eine Stelle in der Inneren Medizin zu besetzen, oder wenn wir einem Mediziner den Weg in eine Region erleichtern, in der er tatsächlich gebraucht wird, dann geht es nicht um eine offene Position in einem Organigramm. Es geht darum, dass Menschen in dieser Region die Versorgung bekommen, auf die sie angewiesen sind.

Recruiting im Gesundheitswesen ist gesellschaftlich relevante Arbeit. Das war schon immer so, aber die Dringlichkeit war selten so klar wie heute.

 

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